Der Traum von Evidenz

  1. Der Traum von Evidenz
  2. DSM in 5 Varianten
  3. Die Kritik an DSM
  4. Der gespaltene Mensch
  5. Die Soldaten mit PTSD
  6. Was kommt auf uns zu?

Dies ist Blogeintrag einer aus einer Serie von sechs. Sie können auf die anderen Einträge zugreifen, indem Sie oben auf ihre Titel klicken.

An den klassischen Gebrauch des DSM-Systems in der Psychiatrie knüpft sich die Überzeugung, dass das naturwissenschaftliche Paradigma auch hier seine Anwendung und Berechtigung findet. Aber Gehirn und Seele sind nicht ein und dasselbe und die Probleme türmen sich auf.

In der Psychiatrie träumt man von der Möglichkeit Diagnosen zu stellen, die in der darauffolgenden Behandlung, ebenso präzise, wissenschaftlich und effizient sind, wie es in der somatischen Medizin der Fall ist. Zu diesem Zweck haben die Amerikaner ein diagnostisches System entwickelt, das DSM (englisch für „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“), das zur Verwirklichung dieses Traums beitragen soll.

Der Leitfaden existiert in verschiedenen Varianten seit gut 60 Jahren, die letzten 35 Jahre offiziell mit dem Ziel vor Augen, die Psychiatrie wissenschaftlich zu machen, mit Schwerpunkt auf der evidenzbasierten Wissenschaft. Gesehen vom sowohl wissenschaftlichen Standpunkt als auch vom menschlichen grenzt das DSM-Projekt zur Zeit an eine Katastrophe. Das DSM-System trägt bedeutend dazu bei, dass die Psychiatrie nicht nur entmenschlicht wird sondern auch, dass die Wissenschaft im gleichen Zug auf dem Altar des Pragmatismus geopfert wird.

Da die Leitfäden so maßgebend sind, besteht guter Grund die Probleme genauer ins Visier zu nehmen. Dafür ist die Diagnose PTBS besonders geeignet. Ja, die Diagnose ähnelt geradezu einem Paradigma des DSM-Systems.

„Ich bin kein Arzt„

Dänemark hat die Rahmenbedingungen für die Diagnostizierung und Behandlung von Soldaten mit PTSD erweitert. Bis zum Jahr 2013 mussten die Soldaten ihre Symptome innerhalb von 6 Monaten nach ihrem letzten Kriegseinsatz melden um einen Anspruch auf eine Hilfeleistung zu haben. Das Problem war, dass ein großer Teil der Veteranen ihre Initialsymptome erst bis zu 2 Jahren nach ihrer Rückkehr vom Dienst wahrnahm.

Zum Thema gefragt betonte die dänische Gesundheitsministerin in einer Radiosendung Ende 2012, dass die relevanten Gesetze in Übereinstimmung mit wissenschaftlicher Evidenz verfasst worden seien. Als sie vom Journalisten gedrängt wurde ihre Aussage zu vertiefen, antwortete sie: „Ich bin kein Arzt und kann deshalb keine Lösung für das Problem vorschlagen“. Zum Schluss gab die Ministerin zu, dass sie als Laie und Mensch der Meinung war, wir seien verpflichtet den Soldaten zu helfen, auch wenn die Symptome erst lange nach der vom Gesetz angegebenen Frist auftreten. Die Ministerin erklärte sich bereit eine zweite, wenn vorhanden, wissenschaftliche Meinung zum Thema einzuholen.

Wenn auch das Obenstehende an sich nicht als ein wissenschaftlicher Beweis gelten kann, so liefert es doch Evidenz darüber, dass Wissenschaft, Politik und Subjektivität in der realen Welt ständig ineinandergreifen.  Wie sich in diesem Fall zeigt, stimmt die Ansicht der Ministerin nicht mit den Empfehlungen der Wissenschaft überein. Kann sie eine wissenschaftliche Lösung, die besser zu ihren persönlichen und politischen Wünschen passt, aushandeln?  Das kann sie und siehe da: wenige Monate später lagen die wissenschaftlichen Beweise tatsächlich vor.

Als das Gesetz anschließend geändert wurde, betonte die neue Ministerin die Wissenschaftlichkeit der vorliegenden Evidenz und eine Reihe von unterstützenden Aktivisten jubelte gleichzeitig darüber, dass es ihnen gelungen war, die Politik von einer Änderung des Gesetzes zu überzeugen.

Unaufhörlich wird auf die Wissenschaftlichkeit zurückgegriffen. Der Wissenschaft wird die Rolle eines Leuchtturms im aufgewühlten Meer zugeteilt, ein Meer aus vielerlei Glauben und enttäuschten Ideologien. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahrhunderten für radikale Änderungen der Lebensumstände der Menschheit gesorgt, davon hatten viele eine positive Auswirkung auf die Lebensbedingungen. Dies hat gelegentlich die Menschen dazu verleitet ihre Wünsche, Vorstellungen und Fantasien der wissenschaftlichen Disziplin unterzuordnen, die notwendig ist um sich ein aktives Wissen über die Natur zu verschaffen.

Aber auch dieses hat eine Kehrseite z.B. wenn die Verweise auf die Wissenschaft dafür genutzt werden, lästige, unwissenschaftliche Tagesordnungen zu vermeiden oder zu verschleiern. Das genannte Beispiel ist ein relativ harmloser Vorgeschmack darauf.

Evidenzbasierte Wissenschaft macht prinzipiell einen Teil der wissenschaftlichen Tradition aus. Die heutige Evidenzwelle verdeutlicht aber, wie schwierig es für den Menschen ist das Verhältnis zwischen Wünschen, Fantasien und Wirklichkeit zu administrieren und das trägt dazu bei dem wissenschaftlichen Projekt eine perverse Richtung zu geben. Das Problem liegt im Kern der DSM-Manuale der Psychiatrie. Obwohl PTSD oftmals als einzigartig unter psychiatrischen Diagnosen betrachtet wird, insbesondere auf Grund der bedeutenden Rolle, die die Ätiologie in dieser Diagnose spielt, ist sie doch ein Musterbeispiel für die DSM, sowohl was den Gebrauch bzw. Missbrauch der Diagnosen als auch die Fragestellung bzgl. der Wissenschaftlichkeit betrifft.

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2014-11-07 – deutsche Version 2018-03-07

2015 Jean-Christian Delay